Industrie 4.0 im Maschinenbau – Wie MULTIVAC die Digitalisierung vorantreibt und sich für die Zukunft rüstet

Interview mit Guido Spix, Geschäftsführender Direktor und CTO der MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG

Industrie 4.0 ist auch im Maschinenbau in aller Munde – können Sie uns einen kurzen Einblick geben, welche Relevanz Industrie 4.0 für den deutschen Maschinenbau hat?

Grundsätzlich ist feststellbar, dass der Maschinenbau beim Thema Industrie 4.0 hierzulande durchaus gut aufgestellt und der ersten Orientierungsphase entwachsen ist. Viele Technologien für Lösungsansätze sind bereits vorhanden. Etliche Unternehmen haben vernetzte oder selbststeuernde Prozesse etabliert und setzen IT-basierte Automatisierungslösungen ein. Doch lässt sich das Thema Industrie 4.0 nicht pauschal bewerten. Aus meiner Sicht ergeben sich hauptsächlich zwei Handlungsstränge unterschiedlicher Dimensionen für die Unternehmen im Markt: Auf der einen Seite gilt die Einführung und Umsetzung von Industrie 4.0 mit den Kernelementen Digitalisierung und Vernetzung in der eigenen Organisation als eine große Herausforderung – von der Verbesserung der Produktionsprozesse angefangen bis zur Vernetzung über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg. Hierbei sind dann unter anderem Fragen zum sicheren Datenaustausch sowie die Datennutzung und der Rechtsrahmen zu klären. Denn Industrie 4.0 ist ohne den freien Austausch von Informationen nicht vorstellbar. Hinzu kommt, dass natürlich die nötige Infrastruktur für eine digitale Vernetzung zu schaffen ist. Für all dies muss jedes Unternehmen unter Berücksichtigung des wirtschaftlichen Nutzens eine eigene Strategie entwickeln, die im Übrigen nicht nur Technik und Prozesse, sondern auch Menschen und die Organisation berücksichtigt. Und nicht zuletzt stellt sich die Aufgabe, die bereits vorhandenen Technologien und Lösungen geschickt miteinander zu verknüpfen.

Zum anderen muss der Maschinenbau den Blick auf das eigene Produktportfolio richten: Denkbar ist hier die Weiterentwicklung vorhandener Lösungen, so dass sie Industrie 4.0-fähig sind. Aber auch Produktinnovationen sowie die Etablierung neuer Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung und Vernetzung von Produkten und Produktion sind durchaus ein realistisches Szenario, an dem wir von MULTIVAC schon seit langem intensiv arbeiten.

Lassen Sie uns hier anknüpfen, Herr Spix – wie relevant ist Industrie 4.0 für MULTIVAC?

Mit der Digitalisierung ergeben sich für unser Unternehmen unterschiedliche Ansätze. Der erste – und naheliegende – Aspekt betrifft die Digitalisierung von bestehenden Prozessen mit dem Ziel, diese noch effizienter zu gestalten und dadurch Zusatznutzen für unsere Kunden zu generieren. Wir haben dies in vielen Bereichen bereits umgesetzt – ich denke hier an unser Logistikzentrum in Wolfertschwenden, das letztes Jahr erfolgreich in Betrieb gegangen ist und die Teileversorgung in Europa sowohl für die Kunden als auch für unsere Tochtergesellschaften sicherstellt. Neueste Lagertechnik, eine leistungsfähige IT und moderne Logistikstrukturen greifen hier optimal ineinander und sorgen für reibungslose Abläufe, ein Höchstmaß an Effizienz und Transparenz sowie maximale Leistung. 

Ein anderes Stichwort ist die „digitale Fertigung“, also die integrierte Abbildung und Steuerung unserer Fertigungsprozesse. Auch hier sind intelligente, effiziente, softwaregestützte und vor allen vernetzte Produktionstechnologien erforderlich, denn nur mit IT-

Systemen alleine können Sie Industrie 4.0 nicht erreichen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Echtzeitverfolgung der Aufträge, ein topaktueller Datenbestand, die Optimierung von Durchlaufzeiten und letztendlich auch die Einhaltung der Lieferfristen und die Möglichkeit, schnell auf den Bedarf im Markt reagieren zu können.

Zusätzlich haben wir aber auch im Vertriebsbereich unsere Prozesse digitalisiert – ich verweise hier auf unser Kundenportal und diverse E-Commerce-Plattformen. Bereits jetzt schon wickeln wir einen signifikanten Anteil unseres Ersatzteilgeschäfts durch unseren Webshop ab und können durch die direkte Anbindung unserer Kunden über EDI und OCI an unsere Shopsysteme erheblichen Mehrwert für unsere Kunden schaffen.

 

Sie sprachen gerade von einem ersten Ansatzpunkt der Digitalisierung bestehender Prozesse im eigenen Unternehmen. Sehen Sie einen zweiten Ansatzpunkt in der Bereitstellung von digitalen Service-Leistungen für Ihre Kunden?

Absolut. Wir nennen dies auch „Smart Services“. Unter Smart Services fassen wir Servicepakete zusammen, die dazu beitragen, die Verpackungsprozesse bei unseren Kunden weiter zu optimieren und noch effizienter zu gestalten. Beispiele für Smart Services sind Dienstleistungen wie Predictive Maintenance oder die Erstellung umfassender OEE-Analysen, die es dem Betreiber erlauben, eine Zustandsanalyse der Verpackungsmaschinen zu erstellen und die Verpackungsprozesse weiter zu optimieren. Ebenfalls ist denkbar, dass die Verpackungsmaschinen an unser Kundenportal und unsere Shopsysteme angebunden werden und somit automatische Ersatzteilbestellungen für Verschleißteile auslösen. Dadurch kann die Instandhaltungsarbeit bei unseren Kunden erheblich erleichtert werden. Darüber hinaus statten wir unsere neue Maschinengeneration X-line mit dem Pack Pilot aus. Neben einem maximalen Ausstoß trägt der Pack Pilot auch in erheblichem Maße zu einer konstanten Verpackungsqualität und einer maximalen Packungssicherheit bei.

 

Wie genau funktioniert der Pack Pilot?

Mit Hilfe des Pack Piloten lassen sich Maschinen ohne tiefes Expertenwissen einstellen. Für das Anlegen neuer Rezepte wählt der Betreiber Packungs-, Packstoff- und Produktmerkmale aus. In Kombination mit den Daten der eingesetzten Werkzeuge parametriert sich die Maschine von selbst nahe am optimalen Betriebspunkt. Durch den Pack Pilot ist die Maschine damit beim Produktionsstart gut eingestellt und erzeugt ohne nennenswerte Anfahrverluste Packungen mit maximaler Packungssicherheit, gleichbleibender Qualität und höchster Leistung. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist, dass die Maschine durch den Pack Pilot auch ohne Anwenderwissen betrieben werden kann. Zudem führt die Reduzierung von Anfahrverlusten zu Einsparungen im Hinblick auf Produkte, Packstoffe und Produktionszeit.

 

Wie wird der Pack Pilot mit aktuellen Daten gespeist?

Über die Anbindung an die MULTIVAC Cloud kann der Pack Pilot auf das Expertenwissen von MULTIVAC zugreifen, das unter anderem Informationen über die optimalen Maschinenparameter zur Verarbeitung unterschiedlicher Verpackungsmaterialien beinhaltet. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass das Expertenwissen von MULTIVAC durch die Realisierung von über 1.000 neuen automatischen Verpackungslösungen pro Jahr kontinuierlich erweitert wird. Von diesem umfassenden Know-how profitieren unsere Kunden durch die Anbindung an die Cloud.

 

Welche Voraussetzungen müssen für die Bereitstellung von Smart Services geschaffen werden?

Eine grundlegende Voraussetzung ist die Ausstattung unserer Verpackungsmaschinen mit Sensorik. So verfügt die MULTIVAC X-line über eine große Anzahl von Sensoren zur Überwachung und Regelung der Prozesse. Die Multi Sensor Control erfasst dabei alle relevanten Prozessparameter. Mit der Erfassung dieser Prozesswerte und -abläufe erzielen wir zum einen, dass die Maschine permanent nahe am optimalen Betriebspunkt betrieben werden kann, da die einzelnen Teilprozesse wie Formen, Evakuieren und Siegeln in geschlossenen Regelkreisen optimiert werden. Zum anderen werden Abweichungen von vorhergesagten Abläufen erkannt und stellen damit die Qualität der Packungen sicher. Zusätzlich bilden diese Prozesswerte eine wertvolle Grundlage für die Bereitstellung unserer Smart Services, zum Beispiel einer präventiven Instandhaltung. Hieraus ergibt sich die zweite Voraussetzung, nämlich die Anbindung der Maschinen an die MULTIVAC Cloud, in die die Verpackungsmaschine die entsprechenden Prozessdaten übertragen kann.

 

Viele Kunden stehen der Anbindung von Maschinen an Cloud-Systeme sicherlich kritisch gegenüber. Wie positioniert sich MULTIVAC bei dieser Fragestellung?

MULTIVAC differenziert sehr genau zwischen Prozessdaten und Produktionsdaten. Die Anbindung unserer Verpackungsmaschinen an die MULTIVAC Cloud dient ausschließlich der Übertragung von prozessrelevanten Informationen. Produktionsrelevante oder kundenrelevante Daten wie beispielsweise Informationen über das verpackte Produkt hingegen sind für unsere Kunden viel kritischer. Daher stellen wir diese Informationen ausschließlich dem Kunden zur Verfügung.

 

Konnten Sie bereits Feedback aus dem Markt erhalten?

Wie Sie wissen, stellen wir die X-line ausgewählten Kunden erstmals auf der interpack 2017 vor – und ich bin davon überzeugt, dass das neue Maschinenkonzept aufgrund der signifikanten Weiterentwicklung insbesondere im Bereich Packungssicherheit und Packungsqualität sowie Produktionsausstoß auf eine sehr positive Resonanz stoßen wird. Im Rahmen der Entwicklungsarbeit haben wir das Konzept bereits mit mehreren Kunden besprochen und ausschließlich positives Feedback erhalten.

 

Sieht MULTIVAC neben der Digitalisierung von Geschäftsprozessen und der Bereitstellung von digitalen Dienstleistungen weitere Ansatzpunkte für die Digitalisierung?

Natürlich ergeben sich aus unserer Sicht neue Ansatzpunkte durch die Veränderung von Geschäftsmodellen in unserem Markt. Hier möchte ich als Beispiel den Online-Handel mit Lebensmitteln nennen. Für die nächsten zehn Jahre prognostizieren Marktforscher einen signifikanten Durchbruch für den Handel mit Lebensmitteln, auch wenn das Verbraucherverhalten momentan durch eine sehr hohe Dichte an realen Einkaufsmöglichkeiten und eine gewisse Berührungsangst noch recht verhalten ist. Auf Anbieterseite fehlen wirtschaftliche und verbrauchergerechte Logistikkonzepte, hinzu kommen lebensmittelrechtliche Vorgaben, die Haltbarkeit der Produkte, hohe Versandkosten, niedrige Margen. Dennoch: Es wird erwartet, dass sich der Umsatz von jetzt einer Milliarde innerhalb einer Dekade auf mehr als sieben Milliarden Euro pro Jahr steigern wird.

All dies hat Auswirkungen auf die Lebensmittelindustrie. Und das veränderte Konsumentenverhalten hat direkte Auswirkungen auf die Gestaltung von Verpackungen. Am PoS kommt Verpackungen neben der Gewährleistung des Produktschutzes auch die Aufgabe zu, das Produkt attraktiv zu präsentieren. Denken wir an den Online-Handel, ist diese Funktion weniger wichtig. Hier müssen wir uns vielmehr damit beschäftigen, welche Formgebung die Packungen für einen effizienten Versand und optimalen Produktschutz aufweisen müssen.

Ein weiterer Punkt ist die fortschreitende Individualisierung von Verpackungen, wodurch sich neue Herausforderungen im Bereich der Fertigung von kleinsten Losgrößen ergeben. Und nicht zuletzt sei auch erwähnt, dass der Online-Handel auch hinsichtlich der Nachvollziehbarkeit der logistischen Kette weitreichende Herausforderungen an die Industrie stellt.

MULTIVAC beteiligt sich im Übrigen an unterschiedlichen Initiativen, um gemeinsam mit anderen Marktteilnehmern Antworten auf diese Fragen zu entwickeln.

 

Herr Spix, wir danken für das angeregte und sehr interessante Gespräch.