„Mit den hochflexiblen Lösungen von TVI können Unternehmen eine große Produktvielfalt bewältigen.“

Interview mit Alois Allgaier, Geschäftsführer der TVI Entwicklung und Produktion GmbH in Irschenberg

TVI ist führender Hersteller von Fleischportionier-Maschinen und kompletten Portionierlinien. Das breite Spektrum der Anwendungen reicht von der Fleischtemperierung des Ausgangsproduktes über beinahe jede Art der Portionierung, dem Einlegen in Schalen inklusive Gewichtskontrolle bis hin zur Übergabe der fertigen Portion an die Verpackungsmaschine. Seit Januar 2017 gehört TVI zur MULTIVAC Unternehmensgruppe.

Herr Allgaier, die Akquisition von TVI war für MULTIVAC ein wichtiger strategischer Schritt im Bereich Processing. Auch für TVI bietet die Zusammenarbeit erhebliche Vorteile. Doch inwieweit profitieren Kunden in aller Welt davon?

Wir bieten unseren Kunden in diesem Marktsegment nunmehr Komplettlösungen aus einer Hand – vom Portionieren angefangen über den gesamten Verpackungsprozess bis zum End-of-Line-Bereich. Damit profitieren unsere Kunden insbesondere von der umfassenden Linien- und Automatisierungskompetenz von MULTIVAC, die auf Erfahrungen aus rund 1.000 realisierten Projekten jährlich basiert. Denn vorrangiges Ziel der Zusammenarbeit ist die Integration und intelligente Verbindung der TVI-Produkte und der Verpackungsmaschinen von MULTIVAC hin zu Linien mit größtmöglicher Automatisierung und höherer Effizienz, die sich sicher und komfortabel über eine zentrale Bedieneinheit steuern lassen. Zudem haben unsere Kunden nur noch einen Ansprechpartner für alle Fragen und Anforderungen hinsichtlich ihres Portionier- und Verpackungsprozesses. Und dies weltweit.

 

Ist die Integration bereits vollständig erfolgt oder gibt es noch Handlungsbedarf, Herr Allgaier?

Wir sind auf einem guten Weg. Seit dem 1. Januar 2019 läuft die komplette Vertriebsorganisation nunmehr über die Tochtergesellschaften von MULTIVAC, alle externen Händlerverträge wurden zum 31. Dezember 2018 aufgelöst. Hierzu wurden die Kollegen vor Ort intensiv geschult und haben ein umfassendes Wissen zu den TVI-Produkten aufgebaut. Auch in den Bereichen Dokumentation, Marketing, IT Services und technische Trainings arbeiten wir eng mit der MULTIVAC Gruppe zusammen. Darüber hinaus haben wir 2018 auch die Einführung von SAP erfolgreich abgeschlossen, weitere Integrationsprojekte wie beispielsweise die Implementierung des MEP (MULTIVAC Entwicklung Prozess) sind in der Planung.

 

 

 

Das Portfolio von TVI umfasst wegweisende Lösungen zum richtigen Temperieren und Frosten, Pressen, Portionieren, Automatisieren, Wickeln von Grillfackeln sowie zur Herstellung von Schaschlik-Spießen. Planen Sie einen weiteren Ausbau des Produktportfolios und die Ausweitung Ihrer Geschäftstätigkeit auch in bislang eher unterrepräsentierten Regionen?

Diese Frage kann ich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Wir werden künftig ein komplettes Produktportfolio von der kleinsten bis zu der größten Portioniermaschine im Markt anbieten. Was den zweiten Teil Ihrer Frage betrifft: Dank der weltweit agierenden MULTIVAC Vertriebsorganisation können zukünftig auch Kunden in für uns neuen Märkten von unseren Lösungen profitieren. Beispiele hierfür sind die Schwellenländer und die boomenden Wirtschaftsnationen Asiens und Südamerikas, in denen der Fleischkonsum überproportional wächst.

 

Welche Vorteile bieten TVI Lösungen gegenüber anderen Lösungen im Markt?

Generell gesprochen zeichnen sich unsere Portionierlösungen durch fünf Aspekte aus. Erstens: Die Qualität. Eine gleichmäßige Formung, ein paralleler Schnitt, das klare Schnittbild und eine klare Schnittkante führen zu einer deutlichen Qualitätssteigerung der Fleischprodukte. Die optisch ansprechenderen Portionen ermöglichen unseren Kunden erheblich höhere Absatzchancen, eine bessere Kundenbindung und eine angemessene Unterstützung ihrer Marke.

Zweitens: Flexibilität. Mit den universellen Portionier- und Einlegelösungen von TVI können Unternehmen mit dem gleichen Equipment eine große Produktvielfalt bewältigen. Dieser Aspekt gewinnt zunehmend an Bedeutung, weil die einzelnen Produktionschargen stetig kleiner werden. Die Produktionslinien werden nicht mehr nur ausschließlich auf reine Mono-Produkte ausgelegt, sondern müssen sich flexibel und vor allem schnell auf eine Vielzahl unterschiedlichster Artikel umrüsten lassen. Unsere Systeme sind in der Lage, nahezu jede Portionieraufgabe zu erfüllen – vom Carpaccio über Medaillons, Schnitzel oder Rouladen bis hin zu größeren Bratenstücken und von nichtknochig bis knochig bei Fleisch von Schwein, Lamm oder Kalb. Zudem können wir mit unseren flexiblen „Universal-Linien“ die Lieferfähigkeit unserer Kunden insofern unterstützen, da selbst bei einem Komplettausfall einer Linie die gleichen Produkte von einer anderen Linie übernommen werden können.

Drittens: Die Ausbeute. Sie spielt eine erhebliche Rolle in Bezug auf die Kosten. Sehr häufig lassen sich mit unseren Lösungen Steigerungen von 2 bis 7 % erreichen. Dies verbessert die Wertschöpfung des Rohproduktes enorm und wirkt der Lebensmittelverschwendung entgegen.

Viertens: Reduzierung des Give-Away bei festgewichtigen Portionen. Durch eine hohe Gewichtsgenauigkeit der Portionen und die effiziente Kontrolle und Korrektur der eingelegten Einzelschalen können bei nichtknochigen Produkten Give-Aways von unter 1 % und bei knochigen Produkten von unter 1,5 % erreicht werden. Hierfür zugrunde gelegt sind die Regeln der FPVO und eine Scheibenanzahl pro Schale von mindestens vier Scheiben.

Fünftens: Reduzierung der Betriebskosten. Unsere hocheffizienten und teils hochautomatisierten Einlegelösungen ermöglichen zum Beispiel einen sehr hohen Output pro Mitarbeiter einer Linie. Den Faktor Energieeffizienz bezieht sich hauptsächlich auf das Thema Kälteenergie bzw. Kälteerzeugung zum Anschocken der Rohware. Die TVI-Kältemaschinen arbeiten dabei in geschlossenen Kreisläufen mit effizienten Kälteanlagen. Im Vergleich zu kryogenen Tunnel- oder Kabinensystemen sprechen wir hier von etwa 1/10 bis 1/20 der Betriebskosten, so dass sich unsere Systeme innerhalb von maximal zwei Jahren amortisieren können.

 

Inwieweit beeinflusst die Temperatur des Rohproduktes das Portionierergebnis bzw. die Portionierqualität?

Die Temperatur des Rohprodukts ist ein Hauptfaktor für eine hohe Portionierqualität. Eine kontrollierte Temperierung der Rohware ist umso wichtiger, je höher die Anforderungen an Qualität, Leistung, Ausbeute, Genauigkeit und Optik sind. Dies gilt für jedes Portioniersystem, auch für unsere bewährten GMS Baureihen.

Wir empfehlen in Abhängigkeit des Produktes eine niedrige gekühlte Kerntemperatur der Rohware von ca. 0° bis 2° C oder 0° bis 4° C sowie eine sehr geringe Frostkruste von ca. 3 bis 5 mm. Ohne angeschockte Frostkruste sollte die Temperatur gleichmäßig bei unter 0° C liegen. Durch die Frostkruste werden jedoch Formung und Schnitt und damit auch Ablage und Optik der Portionen erheblich verbessert. Sie haben hierdurch einen klaren Messeraustritt sowie eine saubere Kante ohne Ausfransungen oder ausgerissene Fasern. Zusätzlich zu den Prozessvorteilen bietet dieses Frosten im Übrigen auch zusätzlichen Kundennutzen hinsichtlich der Haltbarkeit und der Logistik.

Besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass bei unseren Portioniersystemen das Formen und Schneiden in einem Prozess zusammengeführt ist. Hierdurch reichen uns minimale Frostkrusten, wie ich sie gerade beschrieben habe. Diese sind oftmals deutlich geringer als bei vergleichbaren Produkten im Markt oder bei Prozessen mit externen Pressen. Dies wiederum führt zu einem Qualitätsvorsprung, denn durch eine geringere Eisbildung werden auch weniger Fleischfasern beschädigt. Weitere Vorteile ergeben sich durch eine geringere Aussaftung und auch geringere Farbänderungen in der Schale.

 

Lassen Sie uns kurz den Aspekt der restefreien Portionierung vertiefen, Herr Allgaier …

Ein wichtiges Thema. Die Formung spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn durch ein optimales Formen des Rohmaterials entsteht ein gleichförmiger Querschnitt über die gesamte Produktlänge. Dadurch lassen sich über das ganze Fleischteil hinweg gleichmäßig große und gleichmäßig dicke Scheiben schneiden. Es entfallen somit die zum Teil erheblichen runden kleinen An- und Abschnitte sowie etwaige Endstücke. In manchen Fällen ist aus Qualitätsgründen jedoch ein An- oder Abschnitt erforderlich. Dieser kann durch die TVI-Systeme allerdings so minimal wie möglich gehalten werden.

Durch unsere Steuerung hat der Kunde die Wahl, ob er im „Fixgewicht-Modus“ möglichst exakte Scheibengewichte schneiden möchte und damit auch ein Reststück akzeptiert – oder ob er im „Restefrei-Modus“ dieses theoretische Reststück gleichmäßig auf alle anderen Scheiben verteilt. Hierdurch entsteht zwar eine leichte Schwankung im Scheibengewicht, dies kann allerdings durch die Einlegelinien und deren Wiege- und Kontrollstationen leicht kompensiert werden, so dass sich bei geringstem Give-Away eine höchstmögliche Ausbeute des Rohprodukts erzielen lässt.

Die Themen Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit rücken stärker in den Fokus. Welche Optionen bieten Sie Ihren Kunden, um den Verbrauch von Wasser und Energie beim Temperieren und Portionieren so minimal wie möglich zu halten?

Im Bereich Maschinentechnik verwenden wir unter anderem Servo-Antriebe sowie ruck- und beschleunigungsoptimierte Steuerprogramme und bieten sogar Anschlussmöglichkeiten an Wärme-Rückgewinnungssysteme für unsere Kältemaschinen. Der wesentlich entscheidendere Aspekt ist aus unserer Sicht aber die bereits erwähnte, signifikante Steigerung der Rohwarenausbeute. Dies reduziert den Fleischverbrauch und optimiert so den Einsatz und die Wertschöpfung dieses ressourcenintensiven und wertvollen Rohstoffs.

 

Welche Akzente setzen Sie auf der IFFA 2019?

Wir werden selbstverständlich unsere Automatisierungskompetenz in einer hocheffizienten Linie mit Portionierer und Verpackungsmaschine unter Beweis stellen. Aus unserem Portfolio rücken wir das dreidimensionale Pressen auf der GMS 1600 twincut in den Fokus. Die Lösung zeichnet sich durch einen signifikant reduzierten Footprint, ihre hohe Wirtschaftlichkeit und einen starken Kundenzusatznutzen aus, da sie keine zusätzliche Fleischpresse benötigt.

 

Unsere letzte Frage betrifft das 2018 eröffnete TVI Training and Application Center. Was erwartet Ihre Kunden dort?

Ähnlich wie beim MULTIVAC Training and Innovation Center in Wolfertschwenden bieten wir intensive Trainings unter realen Bedingungen entweder bei uns im Haus oder vor Ort bei unseren Kunden an. Die Schulungen richten sich an alle, die sich mit unseren Produkten vertraut machen müssen – also Bediener der TVI Maschinen, aber auch Kollegen aus Vertrieb und Service sowie Techniker für Instandhaltung und Wartung. Das Angebot ist jeweils auf die spezifischen Bedürfnisse und Kenntnisse der bis zu sechs Teilnehmer ausgelegt. Ziel ist es, allen Teilnehmern ein fundiertes Detailwissen zu vermitteln, so dass sie dieses im Arbeitsalltag optimal einsetzen können.

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Allgaier.